Region
10. November 2025

Ein Monat wie ein Gleichnis

Karin Last, Sozialdiakonin in Landquart, Luzein Pany und St. Antönien Der November in den Bergen hat einen eigenen Charakter. Er drängt sich nicht auf, er prahlt nicht mit Farben. Er kommt leise, manchmal grau, manchmal von einem goldenen Licht durchzogen. Wer in diesen Tagen frühmorgens unterwegs ist, sieht den Atem in der Luft stehen. Der Frost glitzert auf den Wiesen, die Berge sind wie mit feinem Zucker bestäubt. Es ist eine stille Zeit, und gerade deshalb eine ehrliche. Die Natur zieht sich zurück, ohne zu klagen. Sie weiss, dass die Ruhe kein Ende ist, sondern ein Anfang. Unter der scheinbar leblosen Oberfläche arbeitet das Leben weiter, tief unten im Verborgenen. Die Wurzeln ruhen nicht, sie bereiten sich vor. Das gefällt mir am November. Er ist wie ein Mensch, der schweigt, weil er nach innen hört.

Karin Last, Sozialdiakonin in Landquart, Luzein Pany und St. Antönien Der November in den Bergen hat einen eigenen Charakter. Er drängt sich nicht auf, er prahlt nicht mit Farben. Er kommt leise, manchmal grau, manchmal von einem goldenen Licht durchzogen. Wer in diesen Tagen frühmorgens unterwegs ist, sieht den Atem in der Luft stehen. Der Frost glitzert auf den Wiesen, die Berge sind wie mit feinem Zucker bestäubt. Es ist eine stille Zeit, und gerade deshalb eine ehrliche. Die Natur zieht sich zurück, ohne zu klagen. Sie weiss, dass die Ruhe kein Ende ist, sondern ein Anfang. Unter der scheinbar leblosen Oberfläche arbeitet das Leben weiter, tief unten im Verborgenen. Die Wurzeln ruhen nicht, sie bereiten sich vor. Das gefällt mir am November. Er ist wie ein Mensch, der schweigt, weil er nach innen hört.

Neulich erzählte mir eine ältere Frau eine kleine Begebenheit. Sie wohnt allein in einem alten Haus oberhalb des Dorfs, mit einem kleinen Garten, in dem im Frühling alles blüht. Ich fragte sie, wie sie es schafft, dass der Garten nach so langen Wintern immer wieder so lebendig wirkt. Sie lächelte: «Im November pflanze ich meine Zwiebeln. Da ist die Erde kalt und meine Finger sind steif. Manchmal frage ich mich, ob das überhaupt Sinn macht. Aber ich tue es trotzdem. Denn wenn im Frühling die Blumen kommen, weiss ich, dass es sich gelohnt hat.» Dieser Satz blieb mir. Denn so ist auch das Leben. Wir pflanzen, ohne zu wissen, wann oder ob etwas aufblüht. Wir leben aus Hoffnung, nicht aus Kontrolle. Der Prophet Jesaja bringt das in Worte, die zu dieser Zeit passen:«Der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken; und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.» (Jesaja 58,11) Was für ein Bild: ein bewässerter Garten mitten in der Dürre! Das ist keine Schönmalerei, sondern ein Versprechen. Gott führt uns nicht nur durch die grünen Täler, sondern auch durch die mageren Tage. Er lässt uns nicht verdorren, selbst wenn wir uns leer fühlen. So wie die Erde im November Wasser speichert, das sie erst im Frühling freigibt, so trägt auch unsere Seele Schätze, die erst später sichtbar werden.

Vielleicht ist der November genau die Zeit, um das zu üben: zu warten, zu vertrauen, das eigene Leben Gott hinzuhalten, auch wenn alles stillsteht. Denn was jetzt nach Rückzug aussieht, ist in Wahrheit Vorbereitung. Was jetzt braun und welk wirkt, birgt schon neues Leben.

Manchmal wünsche ich mir, ich könnte glauben wie die alte Frau, die im November Zwiebeln setzt. Ohne Garantie, aber mit Hoffnung. Denn das ist Glaube: etwas in die kalte Erde legen und Gott überlassen, was daraus wird. So wird der November zu einem Gleichnis des Lebens. Er lehrt uns, dass Gott auch in der Stille wirkt, dass er uns nährt, wo wir dürsten, und dass sein Wasser selbst im Frost fliesst. Vielleicht hören wir es nicht immer rauschen, aber es ist da – tief in uns, wie eine Quelle, die nie versiegt.

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