Vom Druck und Verteilen
Man sagt, dass Diamanten unter Druck entstehen. Doch ich merke immer mehr, dass der Druck der Gesellschaft für viele Menschen zu viel wird. Wer diesen kanalisieren kann, statt ihn einfach weiterzuleiten, ist klar im Vorteil.
In der heutigen, vom Kapitalismus geprägten Gesellschaft, wo immer alles schneller, besser und vor allem mehr sein muss, sind immer mehr Leute überfordert. So kommt es, dass man auch mal als Unbeteiligter Blitzableiter spielen muss. Ich erinnere mich gut an meine Zeit vor dem Journalismus, als ich im Detailhandel gearbeitet habe und öfters mal von Kunden laut angegangen wurde. Dass diese in diesen Situationen einfach einen schlechten Tag gehabt haben müssen, war ein schmaler Trost für mein jugendliches Selbstvertrauen. Ich wusste auch, dass Hunde, die bellen, nicht beissen, aber trotzdem nahm ich es meist persönlich. Es ist auch noch schwierig, laute Kritik gänzlich von sich wegzustossen, denn wir sind ja lebendige Individuen und keine Steine. Mit den Jahren habe ich gelernt, den ganzen Druck, der auf die Leute einwirkt und den sie ungefiltert weiterreichen, besser einzuordnen. Wer mal durchschnauft und das Ganze in Relation stellt, merkt, dass der Druck nicht weniger wird, wenn man ihn anderen anwirft. Eher im Gegenteil. Nicht nur der eigene Tag ist im Eimer, auch der Tag von anderen kann relativ simpel versaut werden. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal etwas ärgert. Mit dem Druck ist es wie mit den positiven Dingen: Er vervielfacht sich, wenn man ihn teilt. Darum besser nur Dinge weitergeben, die man auch selber gerne empfangen möchte.