Wer war Gertrud Kurz?
Die «Flüchtlingsmutter» auf einer hübschen, kleinen Briefmarke 2022 zu ihrem 50. Todestag. Spät, aber immerhin würdigte die offizielle Schweiz die kleine, Menschen rettende Hausfrau und Appenzellerin so!
Seht es nur selbst: Eine Weihnachtsfeier hat sie organisiert – «warum sollten von Deutschen vertriebene Juden nicht Weihnachten feiern – bei einer Schweizer Familie?». Sie lud dreissig Personen ein – es kamen neunzig. Einer der teilnehmenden jüdischen Flüchtlinge fasste sein Erleben so in Worte: «Wir waren Verfolgte, jetzt sind wir wieder Menschen geworden. Dieses Erlebnis aber hat mich allen Konfessionen gegenüber offener gemacht.» Diese notvolle Feier war der Auftakt zum Einsatz von «Mutter Kurz» zu Gunsten der Flüchtlinge. Als Mutter von zwei Kindern hatte sie zuvor schon für deutsche Judenkinder Aufenthalte in der Schweiz organisiert. Was von den Gräueln der «Kristallnacht» bekannt wurde, bestärkte sie, sich mit allen Kräften für die Lebensbedingungen von Vertriebenen jeglicher Nationalität und Konfession, ja jeder politischen Ideologie einzusetzen. Sie hielt wohl über tausend Vorträge, das Mitgefühl für die Leiden der Migranten zu wecken, sammelte Kollekten und suchte Lösungen für die entsetzlichen Schwierigkeiten, da Rückführungen in die Hände der Mörder drohten. Karl Barth bestärkte sie sehr und bat sie, die Arbeit zu verrichten, die er selber nicht zu verrichten vermochte. Dank ihrer Beziehung zur deutschen Bekennenden Kirche erhielt sie Informationen über bevorstehende Flüchtlingsankünfte. In dieser umstrittenen Arbeit blieb sie unerschrocken, mit einem unverwüstlichen Humor und Lachen. So habe sie während einer ernsten Unterredung mit Heinrich Rothmund plötzlich aufgelacht. Dem erstaunten Vorsteher der Fremdenpolizei soll sie erklärt haben: «Ja, ich bin mir des Ernstes der Sache durchaus bewusst. Aber zum ersten Mal habe ich hinter Ihrem Stuhl jemanden erblickt, der grösser ist als Sie.» Am 13.August 1942 beschloss der Bundesrat die Schliessung der Schweizer Grenzen. In einer dreistündigen Besprechung wurde rasch klar, wie ungenügend der Magistrat über die Morde in Polen, Deportationen, Vernichtungslager, KZs und andere Gräueltaten Hitlers und seiner SS im Bilde war. Gertrud Kurz schrieb: «Es fiel dem Bundesrat sehr schwer, zu glauben, dass es in dem ‘Deutschland Goethes’ Menschen gäbe, die so tief sinken konnten, dass sie Juden quälten und in den Tod trieben ». Gleichentags befahl der Bundesrat dem Herrn Rothmund, dass «in ausserordentlichen Fällen» von Zurückweisungen in die SS-Ermordung abzusehen sei. Auch sollten keine Flüchtlinge ausgewiesen werden, die vor diesem Datum einreisten. Gertrud Kurz lud ein: «Hoffen wir, dass noch viele dem unmenschlichen, satanischen Vorgehen von gottverlassenen Menschen entgehen können!» Ihre sehr grosse Korrespondenz enthält ebenso viele Bitt- wie Dankesbriefe. Als sie im Mai 1945 vernahm, dass die Schweiz nun siebenmal mehr Flüchtlinge beherberge als im Dezember 1942, nämlich 115000 statt 16200, war Gertrud Kurz tief bewegt. Das Rettungsboot war also gar nicht voll gewesen! «Wir hätten alle – aber auch alle – viel lauter schreien sollen», rief sie aus. Die Zahl der Flüchtlinge steigt seither und steigt weltweit. Frauen wie Gertrud Kurz werden dringend gesucht und gebraucht! Der Berner Münsterpfarrer würdigte sie nach ihrem Tode 1972 : «Sie hatte genug Liebe für den Soldaten und den Verweigerer, für Israel und die Araber, für Menschen vor und hinter dem Eisernen Vorhang. Sie war ein Werkzeug und Organ des Friedens in der Hand des Friedefürsten.» Zur Herausgabe der Briefmarke schrieb die Post: «Zu ihrem 50.Todestag würdigt die Schweizerische Post eine Frau, die aus der Schweizer Geschichte nicht wegzudenken ist: Gertrud Kurz (1890–1972). Mit der Sondermarke soll ihr Engagement erneut Anerkennung erhalten – auch in Anbetracht dessen, dass Flüchtlingshilfe weder an Dringlichkeit noch an Aktualität verloren hat.»