Was wir sehen und was wir übersehen
Ein gewöhnlicher Tag beginnt für mich oft ohne besondere Wachsamkeit. Den Weg zur Schule empfinde ich zwar als mühsam, aber ich habe keine Angst, wenn ich ihn gehe. Termine strukturieren Stunden, Begegnungen verlaufen höflich und meist wortarm. Mein Leben wirkt geordnet, beinahe selbstverständlich. In dieser Ordnung liegt ein Versprechen von Sicherheit, deshalb habe ich auch keinen Grund, wachsam zu sein. Doch Sicherheit ist kein fixer Zustand. Sie entsteht aus der erlernten Annahme, dass die Welt einen so akzeptiert, wie man ist. Schliesslich ist akzeptiert zu werden ja nun wirklich kein Privileg, sondern ein Menschenrecht oder? Leider nein.
Wahrnehmung ist selektiv. Wir tolerieren, was nicht auffällt, was unseren Erwartungen entspricht und sich uns anpasst. Für alles, was anders ist, was nicht der sogenannten Norm entspricht, gibt es keinen Platz in unserer Welt. Andersartigkeit ist ein negativ behaftetes Wort, obwohl sie eine unserer grössten Stärken als Menschen ist. Unser Fokus auf das Vermeiden von Abweichungen macht uns blind für die Menschlichkeit, die im «anders sein» liegt. Jene, die eben «anders» sind, zum Beispiel auf die Sexualität bezogen, haben es deshalb oft schwerer, akzeptiert und gesehen zu werden, obwohl das, was sie «anders» macht, keineswegs bedrohlich oder abnormal ist. Der Grund für diese Inakzeptanz gegenüber nicht-heterosexuellen Menschen liegt nicht bei jenen, die nicht akzeptiert werden, sondern bei denen, die nicht akzeptieren. Für mich ist Homophobie nur auf eine Art möglich zu erklären: Angst. Tief verankerte, nackte Angst vor allem, was nicht ins eigene Schema passt. Doch Angst vor Veränderung darf nicht dazu verleiten, andere Menschen zu verachten oder sie als minderwertig anzusehen.