Qualität vor Quantität
Als ich kürzlich die Danksagung für meinen neuen Thriller geschrieben habe, ist mir etwas aufgefallen: Mit den Jahren werden es immer weniger Menschen, bei denen ich mich bedanken möchte. Dass der Freundeskreis im Laufe des Lebens kleiner wird, war mir zwar bewusst, trotzdem hat mich diese Erkenntnis im ersten Moment überrascht.
Als ich 2018 dreissig wurde, habe ich gleich doppelt gefeiert: im Kulturhaus Chur mit einigen meiner Lieblingsbands und in einer Waldhütte in Domat/Ems, gemeinsam mit Freunden, Wegbegleitern und Familie. Wenn ich heute an dieses Wochenende zurückdenke, staune ich noch immer darüber, wie viele damals dabei waren. Gleichzeitig erschreckt es mich aber auch, mit wie wenigen von ihnen ich heute noch Kontakt habe. Natürlich gibt es dafür Gründe. Ich mache keine Musik mehr, und dass ich meine Zeit heute lieber mit meinen Kindern als in einem muffligen Proberaum verbringe, hat seinen Teil dazu beigetragen. Wege führen Menschen zusammen und irgendwann auch wieder auseinander. So ist es nun mal. Je länger ich darüber nachgedacht habe, desto mehr ist meine anfängliche Melancholie einer Zufriedenheit gewichen. Heute bin ich mit mir im Reinen. Ich muss es nicht mehr allen recht machen, sondern in erster Linie mir selbst. In jungen Jahren glaubt man oft, die Anzahl der Freunde sei wichtiger als deren Bedeutung. Man geht Kompromisse ein, sagt selten offen, was man denkt, und hat ständig Angst, jemandem zu nahe zu treten. Doch seit mein Freundeskreis auf eine Handvoll Menschen geschrumpft ist, die ich jederzeit, auch in den dunkelsten Stunden, anrufen könnte, vermisse ich den ganzen Trubel überhaupt nicht mehr. Im Gegenteil: Ich geniesse die Ruhe und den Frieden, die damit einhergehen. Fünf echte Freunde sind für mich heute unendlich viel wertvoller als hundert oberflächliche Bekanntschaften. Qualität schlägt Quantität und je älter ich werde, desto mehr weiss ich genau das zu schätzen.