Unser Leben gleicht der Reise …
Pfarrer in Seewis Ich sitze in einem bulgarischen Zug. Schön, auf Reisen zu sein! Neue Landschaften sehen, andere Lebensweisen kennen lernen, in Geschichte eintauchen. Wobei: Es kann einem auch unwohl werden. Wer sind die anderen im 6er-Abteil? Einmal stieg ich abends spät in Minsk in ein privates Sammeltaxi – für eine 700-km-Fahrt. Die Mitreisenden sahen aus wie Klischees aus einem russischen Mafia-Film. Ich habe mir angewöhnt: Bevor ich mein Gepäck im Abteil alleine lasse – oder einschlafe –, spreche ich mit den Mitreisenden: Stelle mich vor, erzähle etwas von mir – frage vielleicht, wohin sie fahren oder wie es ihrer Familie geht – was sie gerade bewegt. Ziel ist: Wir sehen einander als Menschen – Personen mit einer Geschichte; einem Gesicht, das man kennt. So sieht man einander weauf niger als Ziel für unfreundliche Aktionen – oder als Fremde, die einem nichts angehen. In jener Nacht östlich von Minsk dauerte es gut 1 Stunde, bis ich mich wohl genug fühlte, zu schlafen. Hier im bulgarischen Zug nur 5 Minuten.