Eine mörderisch charmante Tante in Wiedikon
Eine liebenswürdige ältere Dame, die es faustdick hinter den Ohren hat: In der schwarzen Komödie «Arsen und Spitzenhäubchen » spielt die Bündner Schauspielerin Tonia Maria Zindel die Tante Alice Brunner. Für die erstmals schweizerdeutsche Fassung des Theaterklassikers tauscht sie ihren Bündner Dialekt gegen Züridüütsch und taucht ein in das Zürich der 1940er-Jahre.
Der Wechsel vom Bündner Dialekt zum Zürcher Idiom gehört für Zindel zur Vorbereitung auf ihre neue Rolle. Die Herausforderung beschreibt sie mit einem musikalischen Vergleich: «In einem anderen Dialekt zu spielen ist wie eine Partitur lernen.» Deshalb habe sie sehr früh begonnen, den Text einzuüben, um bereits an den Proben mit ihren Dialogen arbeiten zu können. Für ihr Züridüütsch habe sie vom Regisseur bereits eine Bestnote erhalten. Darüber sei sie «sehr glücklich und erleichtert». Doch der Dialekt ist nur ein Teil der Verwandlung. Als Alice Brunner verkörpert Zindel eine Frau, die auf den ersten Blick harmlos, hilfsbereit und geradezu zauberhaft erscheint. Gleichzeitig offenbart die Figur eine erschreckende Seite. Wie lässt sich eine solche Frau spielen, ohne sie zur blossen Karikatur werden zu lassen? Zindel setzt auf die Vorlage: «Ich halte mich an den Text und spiele die Situation.» Das Stück sei hervorragend geschrieben, die Übersetzung «top». Die Handlung ist für die neue Fassung im Zürcher Wiedikon während der Kriegsjahre angesiedelt. Dort leben zwei tiefgläubige, hilfsbereite Schwestern, in deren Haus sich zunehmend unhaltbare Zustände zeigen. Gerade der Gegensatz zwischen gutbürgerlicher Wohlanständigkeit und verstörenden Ereignissen treibt den schwarzen Humor an. «Der Humor funktioniert über die Ernsthaftigkeit», erklärt Zindel. «Abgründe tun sich auf», sagt die Schauspielerin knapp.