Theaterstück am Puls der Zeit
Es ist die Horrorvorstellung vieler Eltern: Das Kind geht in die wegweisende sechste Klasse, und genau dort eine Lehrerin, die mit dem Schulgeben völlig überfordert ist. Genau um diese Thematik dreht sich das neue Stück der Theatergruppe Jenins mit dem vielsagenden Titel «D’Frau Müller muass wegg!», das am 14. November Premiere feiert.
Es ist die Horrorvorstellung vieler Eltern: Das Kind geht in die wegweisende sechste Klasse, und genau dort eine Lehrerin, die mit dem Schulgeben völlig überfordert ist. Genau um diese Thematik dreht sich das neue Stück der Theatergruppe Jenins mit dem vielsagenden Titel «D’Frau Müller muass wegg!», das am 14. November Premiere feiert.
In Jenins wurde ein Elternabend von den Eltern einberufen. Die Devise ist klar: Frau Müller, authentisch auf die Bühne gebracht von Katja Dicht, muss ihre Sachen packen und verschwinden. Denn irgendwie hat sie die Sechstklässler überhaupt nicht im Griff, scheint im Sitzkreis zu viel in den Privatleben der Eltern herumzuschnüffeln, weint vor der Klasse und scheint auch noch in therapeutischer Behandlung zu sein. Da es um die Zukunft der eigenen Sprösslinge geht, ist es elementar, dass die Lehrerin, die ihre besten Jahre auch schon hinter sich hat, endlich geht. Denn sie scheint ja wirklich überfordert zu sein. Elternsprecherin Jessica Amrain, fabelhaft gemimt von Valentina Parolini, führt die Initiative an und liest der Pädagogin die Leviten. Denn abgesehen von der Mutter des hochbegabten Noah, Katja Keller (Sarah Janka), scheint so gar niemand der Eltern wirklich mit der Arbeit von Frau Müller zufrieden zu sein.
Das Notenblatt wendet sich
Der Druck, der auf der Lehrerin lastet, ist immens. Sie hat nicht nur die Aufgabe, gemeinsam mit den Kindern einen soliden Übertritt in die Oberstufe zu bewerkstelligen, sondern ist auch noch mit schwänzenden und frechen Kindern konfrontiert. Zudem muss sie schauen, dass der frisch aus Lausanne zugezogene Luc auch von der Klasse akzeptiert wird und dass wieder ein wenig Ruhe ins Schulzimmer kommt. Vor allem der arbeitslose Handwerker und Vater von Janine, Urs Stromer, gespielt vom Krimiautor Jörg Rutz, wird extrem laut und haut kräftig auf den Tisch. Dass die Eltern ihr die Schuld an allem in die Schuhe schieben wollen und mit der Initiative an ihrem Stuhl sägen, stimmt Sabine Müller traurig und wütend. Darauf verlässt sie das Klassenzimmer und lässt die Eltern mit ihren Problemen alleine. Während die Eltern von Luc, Patrick und Marina Herzog (Wolfram Kaiser/Riccarda Frei), über Sinn und Unsinn seiner beruflichen Versetzung aus der Westschweiz nach Graubünden diskutieren, beginnen die Eltern, sich gegenseitig anzupöbeln, und es wird klar, dass jeder sich selbst doch der Nächste ist. Als dann plötzlich ein Notenblatt auftaucht, kippt die Stimmung komplett in die andere Richtung. Denn wenn eine Lehrperson trotz allen Widrigkeiten so gute mündliche Noten verteilt, gilt es, sie um jeden Preis zu behalten.
Wie im echten Leben
Geschichten wie die, die sich die Theatergruppe Jenins ausgesucht hat, sind deshalb so amüsant, weil sie so nahe am Leben sind. Wer mal mit Lehrpersonen spricht, merkt, dass, was auf den ersten Blick ein wenig überzogen klingt, leider heutzutage doch recht nahe an der Realität ist. Oft wird von den Eltern diktiert, in welche Richtung es gehen soll für ihren Nachwuchs, und der Respekt gegenüber Autoritätspersonen scheint gänzlich verschwunden zu sein. Doch es ist nicht nur diese Sinnbildhaftigkeit, die das Stück zu einem wahren Vergnügen macht. Die bunte Mischung des Ensembles spiegelt auch das wahre Leben. Marina Herzog spricht beispielsweise mit französischem Akzent und Katja Keller hat einen verzaubernden Obersaxer Walserdialekt. Das zeigt, dass die Klassen in der Region längst auch bunt durchmischt sind mit Kindern aus allen Himmelsrichtungen. Die Mischung der Charaktere macht es aus. Sie sorgt immer wieder für unterhaltsame Momente und subtile Lacher. Während Keller stets besonnen handelt, ist Marina Herzog nah am Wasser gebaut, ihr Mann Patrick hin und her gerissen, Amrain taff und schroff und Stromer schnell aufbrausend und aggressiv. Dadurch entsteht ein Kammerspiel, das trotz der Dichte an Dialogen nie an Geschwindigkeit verliert und zeigt, wie wichtig es ist, einander richtig zuzuhören.