Wald/Wild-Situation: Offener Brief an Forst und Jagd
Als aktiver Jäger seit 45 Jahren und seit rund 40 Jahren auch als Sonderjäger beobachte ich die Entwicklung unserer Wildbestände mit grosser Aufmerksamkeit. Wer die heutigen Diskussionen verfolgt, vergisst oft, woher wir kommen. Zu Zeiten von Ratti herrschte tatsächlich eine massive Überpopulation. Tausende Hirsche verendeten in strengen Wintern, Wildreduktionen waren unumgänglich. Es war damals keine Seltenheit, dass Kolonnen von bis zu 150 Hirschen durchzogen. Doch was seither geschehen ist, stellt eine komplette Kehrtwende dar. In den vergangenen Jahren wurde derart stark in die Wildbestände eingegriffen, dass man sich heute glücklich schätzen kann, überhaupt noch ein Tier – ein Kalb oder Schmaltier – zu Gesicht zu bekommen. Die beigefügten Bilder zeigen die Realität: kaum Wild, dafür Jungwald in Hülle und Fülle. Landwirte bestätigen, dass sie den aufkommenden Jungwald regelrecht bekämpfen müssen, um ihre Weiden offen zu halten. Wer die Bestände differenziert betrachtet – etwa im Rheinwald, im Avers, im Surses oder in Teilen des Oberlands –, kann den forstlichen Abschussdruck kaum mehr nachvollziehen. Muss unser Wild heute als Sündenbock für 50 Jahre mangelhafte Waldbewirtschaftung herhalten? Natürlich gibt es Problemgebiete, etwa Chur–Brambrüesch oder Tinizong, wo forstliche Versäumnisse inzwischen Querfällungen wegen Stein- und Lawinengefahr nötig machen. Doch in den meisten Regionen wäre der heutige Wildbestand problemlos tragbar.