Vom Sagen und Schreiben
Als Journalist besteht mein Alltag oft aus Gesprächen, die ich mit Menschen führe. Aus diesen entstehen nachher Beiträge und Geschichten, die spannend sind, wichtige Dinge hervorheben und das Gesagte einordnen.
Diese Beiträge gebe ich immer zum Gegenlesen, da ich kein Mensch bin, der andere blossstellt. In 95 Prozent der Fälle sind die Korrekturen daran minim. Es wird dann noch ein bisschen Feinschliff betrieben und der Beitrag erscheint in der Zeitung so, wie er gedacht war. Hin und wieder geht dann aber alles in die Hose. Wenn ich dann meinen Text zurückerhalte, erkenne ich meinen eigenen Schreibstil nicht mehr, da so viel umgeschrieben wurde. Bei brisanten politischen Geschichten höre ich dann beispielsweise, dass die Person das im Interview zwar so gesagt habe, aber es so nicht gedruckt werden dürfe. Einmal im vergangenen Jahr hatte ich eine kulturpolitisch hochbrisante Geschichte im Köcher, die für viel Aufruhr gesorgt hätte und einiges bewegt hätte. Der Kommentar von der Interviewten hat mich fassungslos gemacht. Sie sagte, dass die Informationen im Gespräch zustande gekommen seien und nicht für die Zeitung gedacht seien. Aus der 10000 Zeichen-Front wurde so eine brave 08/15Schönwetter-Geschichte, die im Prinzip niemanden gejuckt hat. Ich hätte es respektvoll gefunden, wenn meiner aufgewendeten Zeit mit der gleichen Wertschätzung begegnet wird, wie ich sie jeweils an den Tag lege. Dazu gehört ab und zu auch mal, dass nicht alles super ist, es menschelt und nicht alle der gleichen Meinung sind.