Novelle: Vitamin SEA
Ein klein wenig mutig war es schon, einfach im Zug sitzen zu bleiben und statt in Landquart auszusteigen und arbeiten zu gehen, umzusteigen und ans Meer zu fahren. Doch irgendwie war die Sehnsucht so gross, dass er die Vernunft ignorierte.
Der ganze Stress während und nach den Feiertagen liess in ihm ein Gefühl aufkommen, dass er dringend eine Auszeit von der Auszeit brauchte. An jedem Fest, an dem er teilnahm, wurde er ausgefragt. Wann würde er denn endlich einen neuen Job finden? Wann war er endlich mal zufrieden und warf nicht schon wieder nach wenigen Jahren den Bettel hin? Wann würde er endlich eine Partnerin finden? Wann kommen endlich die ersten Enkel? Wann wird endlich ein Eigenheim gekauft und an die Altersvorsorge gedacht? Er selbst hatte keine Antworten auf all diese Fragen. Doch er wusste zumindest, was er brauchte, um im neuen Jahr besser zu funktionieren. Spitzbübisch hatte er sich einfach ein Zugbillett gekauft, das ihn direkt nach Italien fuhr. Sestri Levante hiess sein Ziel, und um eine passende Ausrede im Geschäft oder auch für seine Familie zu Hause zu finden, hatte er satte acht Stunden und 51 Minuten Zeit. Denn laut seinem Smartphone würde die Reise ans Meer genau so lange dauern. Bei der Arbeit würde es sicher rasch auffallen, dass er einfach nicht mehr kam. Wahrscheinlich dachten seine Mitarbeiter, dass er krank sei und einfach vergessen hatte, sich abzumelden. Doch heute machte er einfach mal wortwörtlich blau. Zu Hause würde es auch nicht auffallen, da ja alle das Gefühl hatten, er wäre wieder bei der Arbeit. Er verlor nicht viele Gedanken daran, packte sein Buch nach vorne und begann zu lesen. «180 Grad Meer» hiess das Werk, das er am Bahnhofskiosk für läppische 4.90 Franken erstanden hatte. Geschrieben hatte es die ehemalige Musiksender- Moderatorin Sarah Kuttner. Wie es der Titel vermuten liess, hatte auch die Hauptfigur eine enorme Sehnsucht nach Vitamin Sea, wie er es immer nannte. Die Reise verging wie im Flug, da er den Roman verschlang und auch einfach ein wenig aus dem Fenster schaute. Als er am späten Nachmittag endlich an der Küste des Mittelmeers stand, wusste er, dass sich all die Fragen, die an ihn herangetragen worden waren, plötzlich in Luft auflösten. Denn als er seine Füsse ins Wasser hielt, wurde ihm urplötzlich klar, dass das Leben ein Witz ist und es gar nichts bringt, ständig Statussymbole zu sammeln oder irgendwelchen Zielen von anderen nachzurennen. Was wirklich zählt, ist es, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Am besten geerdet wird man, wenn man ganz untertaucht und eins wird mit dem Meer. Er nahm einen Anlauf, hielt die Luft an und tauchte unter. In diesem Moment spürte er ein Ziehen und Rütteln an seiner Schulter. Als er die Augen öffnete, sah er einen Kontrolleur vor sich, der ihn bat, aufzustehen, da in Landquart Endstation war. Ernüchtert, dass er das alles nur geträumt hatte, stand er auf und sah in der Spiegelung seines Mobilphones, wie zerknittert er doch aussah. Um 8.42 Uhr fuhr der nächste Zug ans Meer. Da er endlich einmal seinen Traum leben wollte und sich nicht ständig fragen wollte, was wäre, wenn man wirklich mal Nägel mit Köpfen macht, stieg er in den nächsten Zug. Dass auf dem Sitz vor ihm tatsächlich noch das Buch «180 Grad Meer» von Sarah Kuttner lag, fasste er als gutes Omen auf.