Rätia Padrutt erzählt aus ihrem Leben
Rätia Padrutt wurde am 19. Mai 1939 in Chur im Kanton Graubünden geboren. Sie wuchs in einer Zeit auf, in der die gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen klar definiert waren: Heirat, Familie und eine untergeordnete Rolle im Berufsleben. Doch schon früh zeigte sich ihr Wunsch nach Eigenständigkeit, Verantwortung und einem Leben über die engen Grenzen ihrer Heimat hinaus.
Nach dem Besuch der Handelsschule legte sie damit das Fundament für eine berufliche Laufbahn, die für eine Schweizer Frau ihrer Generation aussergewöhnlich war. 1963 trat Rätia Padrutt in die Dienste der Swissair ein, der damaligen nationalen Fluggesellschaft der Schweiz.
Was zunächst als einfache administrative Tätigkeit begann, entwickelte sich zu einer beeindruckenden internationalen Karriere. Mit grossem Engagement, Durchsetzungsvermögen und organisatorischem Talent arbeitete sie sich Schritt für Schritt nach oben. In einer von Männern dominierten Unternehmenswelt musste sie sich ihren Platz hart erkämpfen – oft gegen Vorurteile und starre Hierarchien. Dennoch gelang es ihr, Verantwortung zu übernehmen und Vertrauen aufzubauen.
Besonders bemerkenswert ist, dass Rätia Padrutt als erste Frau der Swissair ein höheres Kadermandat im Ausland übernahm. Sie wurde Landesvertreterin in verschiedenen Ländern und trug dort die Verantwortung für Personal, Organisation und Repräsentation der Fluggesellschaft. Ihre Arbeit führte sie unter anderem nach Südamerika und Europa und konfrontierte sie mit unterschiedlichen Kulturen, politischen Situationen und wirtschaftlichen Herausforderungen. Dabei bewies sie nicht nur fachliche Kompetenz, sondern auch diplomatisches Geschick und menschliche Stärke.
Ihre Karriere fiel in eine Zeit grosser gesellschaftlicher Umbrüche. Als Rätia Padrutt bei der Swissair begann, hatten Frauen in der Schweiz noch kein Stimm- und Wahlrecht, das erst 1971 eingeführt wurde. Umso bedeutender ist ihr beruflicher Erfolg: Sie lebte Gleichberechtigung, lange bevor sie gesetzlich verankert war. Ihr Lebensweg steht exemplarisch für den langsamen, aber entschlossenen Wandel der Frauenrolle im 20. Jahrhundert.
Nach ihrer Pensionierung zog sich Rätia Padrutt keineswegs aus dem öffentlichen Leben zurück. Sie blickte auf ihre Erfahrungen zurück und verarbeitete diese in ihrer Autobiografie „Swissair – mein Leben“. In diesem Buch schildert sie offen ihren beruflichen Werdegang, persönliche Zweifel, Erfolge und Enttäuschungen sowie ihre Sicht auf Verantwortung, Freiheit und Selbstbestimmung. Das Werk ist zugleich ein Zeitdokument der Schweizer Luftfahrtgeschichte und ein persönliches Zeugnis weiblicher Pionierarbeit.
