«Die Songs haben viel mehr etwas von einer Reise»
«7 SONGS 4 VOICES & FRAME DRUMS» heisst das neue Werk des Churer Musikers Felix Rüedi. Wie das klingt, was ihn dazu bewegt hat und vieles mehr, erfahrt ihr hier im Interview.
7 Songs, warum genau so viele?
Das hat mit der Entstehungsgeschichte zu tun. In der Regel gehen Leute, die Musik veröffentlichen wollen davon aus, sich zu überlegen, ob es eine Single, EP oder ein Album werden soll. Beim letzten Album ‚third place‘ (2025) von Calabrun waren wir davon ausgegangen, 10 Stücke mit gut 60′ aufzunehmen, um dem Hörenden zu zeigen, in welcher Bandbreite sich unsere Musik bewegt … also Planung, Vorbereitung, Aufnahme, Mix, Produktion, fertig. Die Entstehung von ‚7 Songs‘ verlief ganz anders. Mir wurde erst viel später bewusst, was da wie entstanden war. Wenn ich jetzt die fertige CD in Händen halte, und ich gefragt werde, beginne ich mich zu erinnern. Es wird wohl etwa so gewesen sein… Eine einigermassen absichtslose Home-Studio-Session ‚for fun‘ packte mich unversehens dermassen, dass aus zwei Stunden zwei Monate wurden. In diesen zwei Monaten entstanden sieben Dinger, die, weil gesungen, jetzt Songs genannt werden, obwohl sie in keine Liedform passen. Formal gesehen haben die ‚Songs‘ viel mehr etwas von einer Reise, während der man Leute trifft, die dann eine Zeit lang mitkommen, gemeinsam ein stampfendes Fest feiern, und sich dann langsam wieder verabschieden.
Wie klingen die neuen Songs?
Es ist archaische Musik für Trommeln und mehrstimmigen Gesang, in denen einheimischen Wildtiere vorkommen. Farben und Elemente von Trommel-, Weltmusik und Jazz sind zu erkennen. Rhythmische Gesangsstimmen weben den Rhythmus, Chorstimmen lassen einen dichten Klang entstehen, und durch mehrstimmige Melodien wird dann das Erzählen der Lied-Geschichten vollständig. Die Texte der Lieder klingen wie Instrumentalgesang, den man im Jazz ‚Scat‘ nennt. In der Mitte der Lieder grooven die Lieder in einen Uptempo-Teil dann richtig ab, bevor der dynamische Bogen dann wieder abklingt. Den Boden legen warme, wuchtige Frame Drums als Groove und als Basstöne, auf die sich dann die Harmonien und Melodien des Liedes beziehen. Die Lieder erhalten durch deren Erklingen auf 432 Hz – der Frequenz von Naturtönen – eine meditative Note. Das fertige Klangbild der Produktion wurde durch die professionelle und einfühlsame Studioarbeit von Lou Zarra (audioloft.ch) erreicht. Seine Arbeit an Mix und Mastering hob meine Home-Recording-Tracks dann erst auf den jetzigen Level, der mich nebenbei meine Songs noch einmal wie neu kennenlernen liessen.
Alle anderen machen Singles du fast schon ein Album. Wie ist es dazu gekommen?
Audio- oder Videoproduktionen sind für mich Dokumente meines musikalischen Tuns als Einzelner und im Team einer Formation für einen bestimmten Zeitraum. Die Stücke/Lieder gehören als Teile eines Ganzen zusammen wie Kapitel eines Buches. Die klingenden Geschichten von ‚7 Songs‘ können hier als eine Art Lauschen von einem Standort aus in verschiedene Richtungen verstanden werden. Tierstimmen in der Natur deuten auf das Neben – und Miteinander hin, das sich dem Achtsamen zeigt. Die Anzahl sieben ist wohl auch kein Zufall.
Was unterscheidet deine Soloarbeit zu der mit der Band?
Soloprojekte sind wunderbare Ergänzungen zu Bandprojekten. Während dem ich im Bandkontext bei Calabrun, Kouglof oder Klangreisen die Auseinandersetzung, Zusammenarbeit und den Ausdruck im Team suche, geben mir Soloprojekte Gelegenheit zur Kollaboration oder im Einzelsetting grössere Freiheiten. Wenn ich z.B. mit der Handpan solo spiele, geht es darum, Kompositionen oder Improvisationen rüberzubringen, mit denen ich meinen eigenen Ausdruck des Instrumentes zeigen möchte. Musik dem gegenüber zur Vertiefung von Märchen (Märchen&Musik) oder Yogastunden (Yin&Handpan) stellt sich in den Dienst der Zusammenarbeit über die einzelne Kunstform hinaus. Soloprojekte wie ‚7 Songs‘ dann wieder geben mir Gelegenheit, durch die Arbeitsweise mit Tracks & Loops alleine mehrstimmig zu werden.
Der Video ‚Buteo‘, den ich als zweite Ebene meines neuen Projektes mit Boris Tadic (dimitrys.net) aufnahm > s. felixrueedi.ch/7songs oder youtube< zeigt dies auf witzige Weise, indem ich in ’sechsfacher Ausführung‘ als Chor in Erscheinung trete.
Wird es auch Liveauftritte geben?
Ja, die dritte Ebene des Projektes sieht vor, diese Musik auch live aufzuführen. Eine erste Idee, dies mit einer Loop-Performance wie bei ‚Halooba‘ (2019) umzusetzen, musste ich verwerfen, denn diese erfordert ein Top-Handling einer Loop-Technik, die sehr viel Übung und Erfahrung braucht, damit sie funktioniert. Die naheliegendste Form ist natürlich eine bestehende Chorformation zu finden oder eine ad-hoc zu bilden. Da freue ich mich drauf, so das Solo-Projekt wieder in ein Ensemble-Setting zu bringen. Gespräche mit Chorleitenden und Singenden sind im Gange, Notationen von einzelnen Liedern schon vorhanden. Ob dann die Frame Drums auch live gespielt werden, ist offen, da dies stimmbare Trommeln voraussetzt. Für mich selber kann ich mir im Live-Setting beides vorstellen, Gesang oder Live-Perkussion. Dieser Teil des Projektes ist noch offen. Das gefällt mir.
