Das Unwort «sozialschwach»
Regelmässig stosse ich in Zeitungen und im Internet auf den Begriff «sozialschwach». Dieser regt mich massiv auf. Denn die Betroffenen sind meist überhaupt nicht sozial schwach, wie sie gesellschaftlich abgestempelt werden, sondern schlicht arm. Armut hat nichts mit mangelnder sozialer Stärke zu tun.
Währenddessen werden derzeit durch die Epstein-Files immer neue Abgründe sichtbar. Es entsteht der Eindruck, dass manche Menschen mit sehr viel Geld und Macht sich aus Langeweile oder aufgrund ihrer Stellung zu obskuren und grausamen Machenschaften hinreissen lassen – von Menschenhandel bis zu sexueller Ausbeutung. Dass sich selbst Reichtum und Einfluss nicht unbegrenzt als Schutzschild nutzen lassen, zeigen Fälle wie jene des Filmproduzenten Harvey Weinstein oder der Musiker R. Kelly und P. Diddy. Doch darum soll es hier gar nicht im Detail gehen. Vielmehr möchte ich auf einen grundlegenden Widerspruch hinweisen: In den grossen Skandalen unserer Zeit sind es fast immer reiche und mächtige Persönlichkeiten, die im Zentrum stehen. Es sind nicht jene Menschen, die von der Gesellschaft pauschal als «sozialschwach » bezeichnet werden – etwa Arme oder Asylsuchende. Meine eigene Erfahrung zeigt sogar das Gegenteil: Menschen mit wenig Besitz zeigen oft eine besonders grosse soziale Stärke. Sie teilen eher, helfen einander und engagieren sich füreinander. Vielleicht gerade deshalb, weil sie wissen, wie es ist, am Rand zu stehen. Wenn wir ehrlich sind, sollten wir unser Narrativ hinterfragen. Denn soziale Schwäche zeigt sich nicht im Kontostand, sondern im Verhalten gegenüber anderen Menschen.