«Entwicklungshilfe heisst, richtige Medizin zu machen»
Ueli Bühler ist seit der Pension wieder in Fideris daheim.
Prättigau, Region
22. Juli 2026
Prättigau

«Entwicklungshilfe heisst, richtige Medizin zu machen»

Auch wenn Ueli Bühler im Prättigau vor allem als Chefarzt der Chirurgie am Spital Schiers den meisten ein Begriff war, schlägt sein Herz seit frühester Kindheit auch für die Landwirtschaft. Nach seiner Pensionierung im Jahr 2010 ist er wieder an den Ort seiner Kindheit zurückgekehrt und hält mit viel Freude Schafe. Auf seinem Lebensweg wäre der Fideriser fast einmal ein etwas anderer Hirte geworden und hätte – wie sein Bruder – beruflich von der Kanzel zu seinen Schäfchen gesprochen.

Text/Foto: Christian Imhof  

Ueli Bühler kam am 17.Mai 1945 im Fontanaspital in Chur zur Welt. Weil seine Mutter zuvor eine Totgeburt gehabt hatte, sei die Angst gross gewesen, dass sich dies wiederholen könnte. «Ich wurde als Einziger der ganzen Familie in Chur geboren, während meine Geschwister zuhause auf die Welt kamen.» Er sei das dritte von insgesamt sechs Kindern gewesen. Da es kurz danach wieder Nachwuchs bei den Bühlers gab, wuchs Ueli anfangs vor allem bei seinen Grosseltern auf. Doch wenn er von der Entscheidung seiner Eltern erzählt, schwingt keine Verbitterung mit. «Ich habe erkannt, dass dies eine grosse Chance für mich war, weil mein Eni und mein Nani mich sehr gern hatten. Ich habe es nie als Ausstossen oder als Defizit empfunden.» Sein Grossvater sei Jurist gewesen. Er habe sich aber gegen eine Karriere als Rechtsanwalt entschieden, da er laut der Grossmutter nicht wirklich gern mit anderen gestritten habe. «Er wurde kantonaler Beamter und arbeitete bis zur Pensionierung als Landwirtschaftssekretär.» Wer glaubt oder nicht, wird selig Zum ersten Mal wieder in seinem eigenen Bett geschlafen habe er ab der vierten Klasse. Bühler ist in einer Zeit aufgewachsen, in der es das Modell der «Halbjahresschule » noch gab. «Von Mitte April bis Mitte Oktober hatte man Ferien, um beim Heuen und anderem zu helfen.» Die Primarschule absolvierte er in Fideris, bis zur zweiten Sekundarklasse ging Ueli in Jenaz zur Schule. «Dann kam in mir der Wunsch auf, Pfarrer zu werden und Theologie zu studieren. Also ging ich zu Pfarrer Ulrich Caflisch, und er empfahl mir, Latein zu lernen und ans Gymnasium zu gehen.» Zuhause habe er es mit der Person besprochen, die das Sagen hatte, nämlich mit seiner Mutter. Doch als sie bei der Kantonsschule in Chur anklopften, stiess der Wunsch des Sprösslings nicht gerade auf offene Türen. «Die sagten, dass es nicht gehen würde, zwei Jahre Latein aufzuholen und noch quer einzusteigen. Dann haben wir an der Evangelischen Mittelschule in Schiers angefragt, und dort ergab sich eine Möglichkeit. » Es sei ein intensiver Sommer mit Privatstunden bei Pfarrer Caflisch gewesen. Doch am Schluss ging alles auf. «In einem halben Jahr musste ich genügende Noten in Latein und auch sonst haben, dann durfte ich weitermachen. Das ist mir glücklicherweise gelungen. » Früher musste man für eine theologische Laufbahn sprachlich sehr stark sein. «In der dritten Klasse kam noch Altgriechisch dazu und ab der fünften Klasse auch Althebräisch. In einem Freifach hatte ich zudem Neuhebräisch, wobei mir von dieser Sprache gar nichts geblieben ist.» Als Ueli Bühler volljährig wurde, kamen ihm erste Zweifel, ob der Pfarrerberuf wirklich das Richtige für ihn sei. Das Schlüsselerlebnis, einen anderen Weg einzuschlagen, sei bei einem Treffen mit einem anderen Kirchenmann passiert. «Ich war mit 19 Jahren ‘Bsatzungsfähnrich’ und zu einem Mittagessen mit Richtern und Pfarrern eingeladen. Dort wurde ich gefragt, was ich denn plane, nach dem Militär zu machen.» Er habe erwähnt, dass er gedenke, Theologie zu studieren, momentan aber Zweifel habe, ob das wirklich noch das sei, was er wolle. «Ein ebenfalls anwesender Pfarrer hat dann entgegnet: Es ist ein ‘irrsinniger’ Beruf – glauben musst du nichts, darauf kommt es nicht an. Das hat mir dann echt den ‘Gong’ gegeben.» Danach habe er sich gedacht, doch lieber etwas mit Landwirtschaft zu studieren, und sei schliesslich bei der Veterinärmedizin gelandet. «Die ersten zwei Semester studiert man dort zusammen mit den Humanmedizinern, schliesslich hat es mich eher zu diesen Leuten hingezogen. Deshalb habe ich auf Medizin umgesattelt.» Als die Landwirtschaft noch finanziell viel abwarf Wenn er heute zurückdenkt, realisiert Bühler, dass seine Eltern immer das Beste für ihre Kinder wollten. «Beide haben ihre Schulzeit mit der neunten Primarklasse abgeschlossen und dann ‘puuret’.» In der damaligen Zeit sei es nicht selbstverständlich gewesen, dass Kinder einfach so studieren konnten. «Einer wäre ja noch gegangen. Aber letztlich hat der älteste Bruder Theologie studiert, ich Medizin, und die beiden jüngeren, Peter und Johannes, haben das Lehrerseminar absolviert. Schwester Agnes hat keinen Beruf erlernt, Schwester Leni eine Arztgehilfinnenschule in Zürich abgeschlossen.» Die Karrieren der «Bühler-Buben » hätten jedoch vorausgesetzt, dass alle mit anpackten. «Wir haben immer gut dazuverdient.» Er habe in dieser Zeit in den Ferien auf dem Bau oder im Wald gearbeitet. «Dort verdiente man genug, sodass die Studiengebühren zusammen mit Stipendien und dem Lohn gedeckt werden konnten. Meine Eltern mussten nicht viel dazugeben.» Erleichternd komme hinzu, dass seine Eltern auf der einen Familienseite vermögend und auf der anderen nicht arm gewesen seien. «Mein Grossvater hat zudem Boden für zwei Landwirtschaften geerbt, sodass mein Onkel und mein Vater je einen Betrieb führen konnten. Wirklich arm, wie man es vielleicht von anderen aus dieser Zeit kennt, waren wir glücklicherweise nicht, auch wenn es hin und wieder finanzielle Engpässe gab.» Man müsse zudem erwähnen, dass die Bauern bis in die 1960er-Jahre noch gut verdient hätten. In einer Zeit weit vor Direktzahlungen und Subventionen sei es mit einem Landwirtschaftsbetrieb gut möglich gewesen, eine Familie durchzubringen. «Das Produkt war einfach teurer. Käse und Butter kosteten damals schon so viel, wie sie heute kosten.» Vor allem Fleisch habe vor der Globalisierung und dem Massenmarkt noch einen deutlich höheren Wert gehabt. «Ein Arbeiter verdiente damals im Schnitt 700 Franken im Monat. Wenn wir aber ein Rind verkauft haben, brachte das auf einen Schlag 3000 Franken.» Die Bühlers hatten zehn Hektaren Land, von denen sie bis in die 1970er-Jahre gut leben konnten.

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