Arthur Clement erzählt aus seinem Leben
Manche Lebensgeschichten lassen sich nicht allein in gedruckten Worten erzählen. Man muss die Stimme hören, die Pausen wahrnehmen, das Lachen sehen und erleben, wie sich ein Gesicht verändert, wenn Erinnerungen zurückkehren. Genau deshalb hat der Davoser Filmemacher Beni Garrido die Lebensgeschichte von Arthur Clement nicht nur für das Buch «Prättigauer Lebenslinien» von Christian Imhof festgehalten, sondern zusätzlich einen Dokumentarfilm über ihn gedreht. Entstanden ist ein filmisches Porträt eines Mannes, dessen Weg vom Fideriser Weiler Strahlegg hinaus in die Welt führte und dessen Verbindung zum Prättigau dennoch nie abriss.
Arthur Clement ist ein Erzähler, dem man gerne zuhört. Seine Erinnerungen verbinden persönliche Erlebnisse mit regionaler Zeitgeschichte. Da ist die Familiengeschichte mit den Reiths, seine Grossmutter Babeli, seine Mutter Eugenie und sein Vater, der bei der Rhätischen Bahn arbeitete. Und da ist eine Kindheit, geprägt von einfachen Verhältnissen und einer Freiheit, die heute beinahe aus einer anderen Welt zu stammen scheint.
Leben heisst Veränderung
«Wir hatten viele Freiheiten, da unsere Eltern keine Angst hatten», sagt Clement. Dieser Satz beschreibt ein Lebensgefühl. Kinder bewegten sich selbstständig zwischen Haus, Wald, Schule und Dorf. Spielzeug entstand aus dem, was vorhanden war. Aus Knochen wurden «Beinenkühe», aus Fundstücken kleine Welten, und auf einem Felsen hinter der Burg wurde geraten, welche Automarke als Nächstes auf der damals wenig befahrenen Hauptstrasse auftauchen würde. Im Film bekommen solche Erinnerungen Raum. Die Kamera macht aus ihnen keine nostalgische Kulisse, sondern lässt Clement selbst bestimmen, wohin die Reise führt. Gerade darin lag für uns der Reiz dieses Projekts: nicht einfach Stationen eines Lebens abzuhaken, sondern einem Menschen beim Erinnern zuzuhören. Seine Erzählungen zeigen, wie stark sich Alltag, Arbeit, Mobilität und gesellschaftliche Vorstellungen innerhalb eines Menschenlebens verändert haben.
Ein Zeitzeuge erzählt
Doch Clements Kindheit bestand nicht nur aus Freiheit. Besonders eindrücklich sind seine Erinnerungen an drei Sommer in St. Antönien. Als Siebenjähriger ging er als Geisshirt und Knecht auf einen Bauernbetrieb. Was zunächst nach Abenteuer klang, wurde zu einer Erfahrung, deren Spuren geblieben sind. Er erzählt von harter Arbeit, einem Schlafplatz auf einem Laubsack, psychischem Druck und fehlender Wertschätzung. Den ersten Sommer arbeitete er ohne Lohn, für den zweiten erhielt er 10 Franken. Zuhause schwieg er darüber, weil er seine Mutter nicht zusätzlich belasten wollte. Solche Momente verlangen beim Filmen Zurückhaltung. Es geht nicht darum, eine Erinnerung dramatischer zu machen, als sie ist. Die Stärke liegt in Clements eigenen Worten, in seiner Stimme und in den Augenblicken zwischen zwei Sätzen. Der Dokumentarfilm soll deshalb weder verklären noch urteilen. Er soll bewahren. Er gibt einem Zeitzeugen die Möglichkeit, selbst zu erzählen, was ihn geprägt hat, das Schöne ebenso wie das Schmerzhafte.
Vom Prättigau in die grosse Welt
Arthur Clement auf seine Kindheit im Prättigau zu reduzieren, würde seinem Leben nicht gerecht. Als Techniker für den US-amerikanischen Registrierkassen-, Computer- und Geldautomatenhersteller NCR war er in zahlreichen Ländern unterwegs. Der passionierte Feinmechaniker lernte die Welt kennen und verbrachte einen grossen Teil seines Lebens im Zürcher Oberland. Dennoch bleibt Strahlegg in seinen Erzählungen selbstverständlich präsent. Heimat ist bei ihm Ausgangspunkt einer Lebenslinie, die weit hinausführt, ohne ihre Herkunft zu verlieren. Dieser Gedanke verbindet den Film mit dem Buch «Prättigauer Lebenslinien», das am 30. Oktober erscheint. Christian Imhof porträtiert darin Frauen und Männer, die das Prättigau geprägt haben oder von ihm geprägt wurden. Ihre Lebenswege führen in Politik, Kultur, Medizin, Landwirtschaft, Wirtschaft und Gesellschaft. Manche Namen sind weit über das Tal hinaus bekannt, andere stehen kaum im Rampenlicht.
Zuhören, bevor Erinnerungen verschwinden
Arthur Clements Geschichte steht beispielhaft dafür. Sie erzählt von Herkunft und Aufbruch, Arbeit und Entbehrung, technischer Neugier und der Lust auf Neues. Sie zeigt auch, wie wertvoll persönliche Erinnerungen für regionale Geschichte sind. Was in keinem amtlichen Dokument steht, wird in Anekdoten lebendig: der Schulweg mit dem Schlitten, die Postkutsche über den Flüelapass, ein selbst gebautes Spielzeug oder die Erinnerung daran, wie wenig Abfall eine Familie einst produzierte.
Für Beni Garrido und Christian Imhof ist der Dokumentarfilm auch eine Form des Bewahrens. Das Buch hält Aussagen fest und gibt ihnen Dauer. Der Film ergänzt die Stimme, den Humor und die Nachdenklichkeit Arthur Clements. So wird aus einem Porträt mehr als die Chronologie eines einzelnen Lebens. Es entsteht ein Stück erzählte Geschichte des Prättigaus. Eine Geschichte, die zeigt, dass ein Leben gleichzeitig tief verwurzelt und weltoffen sein kann. Und dass es sich lohnt, Menschen zuzuhören, bevor ihre Erinnerungen verschwinden.