«Verschiedene Sichtweisen bereichern»
Trotz ihres immensen Erfahrungsschatzes gilt Aita Zanetti aus Sent eher als ruhige Arbeiterin. Das bedeutet jedoch bei Weitem nicht, dass sie sich mit der erstbesten Lösung zufriedengibt. Die Mitte-Politikerin ist überzeugt, dass sie mit ihrem Wissen die Bündner Regierung bereichern kann, weshalb sie sich als Nachfolgerin von Jon Domenic Parolini hat aufstellen lassen.
Vor fünf Jahren war sie Standespräsidentin, jetzt will Aita Zanetti in die Bündner Regierung einziehen. Die beiden Ämter könne man nicht unbedingt miteinander vergleichen, sagt die aktuelle Gemeindepräsidentin von Scuol. «Ich habe mich auch nie als höchste Bündnerin gefühlt, sondern hatte das Privileg, den Rat leiten und gegen aussen vertreten zu dürfen. Es ist ein grosser Vertrauensbeweis der Grossrätinnen und Grossräte, dass sie einem das Vertrauen schenken, und auch der Partei, dass sie einen aufstellt. » Dialog statt politische Agenda Im Hinterkopf hatte Zanetti 2021 nicht, dass das Standespräsidium sie vielleicht einmal auf einen Regierungssitz bringen könnte. «Der Grosse Rat vertritt die Bevölkerung, und als Standespräsidentin kann man die Wertschätzung der Bündner Bevölkerung gegenüber einem Verein oder einer Institution ausdrücken. » Erschwerend sei damals die Corona-Situation gewesen, und weder am Spengler Cup noch am World Economic Forum konnte Zanetti der Bevölkerung für das Vertrauen danken. «Umso mehr habe ich es geschätzt, in die Regionen gehen zu können, beispielsweise nach Mesocco zum Feuerwehrverband. Solche Institutionen sind nicht immer sichtbar, haben aber eine wichtige Aufgabe.» Dort Wertschätzung zu zeigen gegenüber Menschen, die sich für das Allgemeinwohl einsetzen, sei eine der schönen Aufgaben der Standespräsidentin gewesen, in der sie auch voll aufgegangen sei. «Ich habe versucht, Geschichten zu erzählen, ohne mich politisch zu äussern.» Selbst erwirtschaften statt erhalten Verschiedene Sichtweisen seien bereichernd für ein Gremium. Davon ist Aita Zanetti überzeugt. «Es ist vielleicht anstrengender, aber das Resultat ist ausgewogener. Denn man hat es mit Menschen diskutiert, die ganz unterschiedliche Biografien, politische Sichtweisen und Lebenserfahrungen haben.» Ihre eigene Geschichte und die daraus gewonnene Erfahrung seien nahe bei der Bevölkerung. Sie und ihr Mann haben einen Landwirtschaftsbetrieb von Grund auf aufgebaut. «Zusammen haben wir jede Kuh, jedes Werkzeug und den Transporter selbst bezahlt. Daraus entstand eine Selbstständigkeit, die mit Verantwortung verbunden ist gegenüber dem Betrieb, der Partnerschaft und denjenigen, die uns diesen ermöglicht haben.» Dieses Wissen aus der Selbstständigkeit habe sie geprägt, auch wenn sie sich als Bäuerin nicht als Unternehmerin bezeichnen würde. «Nicht einen Lohn von jemand anderem zu erhalten, sondern selber zu erwirtschaften, ist eine wichtige Komponente für ein Gremium. Hier könnte ich die Regierung ergänzen.» Zudem sei sie Mutter, Bäuerin, Gemeindepräsidentin, Grossrätin und ehemalige Standespräsidentin. «Ich bringe auch politische Erfahrung mit.» Zanetti ist Mitglied der Kommission für Gesundheit und Soziales sowie des Hochschulrats Graubünden. Auch dort bringe sie unterschiedliche Sichtweisen ein. «Es ist anspruchsvoll, aber auf eine gute Art.» Stille statt Polemik
