Breite Allianz fordert Erhalt der gesetzlichen Mindeststandards im Sportunterricht
Eine breite Allianz aus dem Schweizerischen Verband für Sport in der Schule (SVSS), dem Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH), dem Syndicat des Enseignant.es Romand.es (SER) sowie der Allianz Bewegung, Sport und Gesundheit (ABSG), unterstützt von Nationalrätin Andrea Zryd und Swisscoach, lehnt die im Projekt «Entflechtung 2027» vorgesehene Streichung der bundesrechtlichen Mindestvorgabe bei den Wochenlektionen im Sportunterricht entschieden ab.
Die Organisationen warnen vor einem Abbau eines bewährten nationalen Standards und fordern Bund und Kantone auf, die bundesgesetzliche Verankerung der Anzahl Mindestlektionen im Sport beizubehalten. Der obligatorische Sportunterricht ist eine nicht verhandelbare Grundlage der Gesundheitsförderung, Chancengleichheit und schulischen Bildung.
Sportunterricht ist Gesundheits- und Bildungspolitik zugleich
Sportunterricht ist weit mehr als ein gewöhnliches Schulfach. Er verbindet Bildungsziele mit einem zentralen gesellschaftlichen Auftrag: der Gesundheitsförderung. Dabei stellt der nationale Mindeststandard sicher, dass grundlegende Gesundheitsziele schweizweit gelten.
Obligatorischer Sportunterricht an Schulen zählt zu den wirksamsten und kostengünstigsten Präventionsmassnahmen. Er erreicht alle Kinder und Jugendlichen unabhängig von Herkunft oder sozialem Umfeld und ist weit mehr als “nur Bewegung”; er stärkt die körperliche und mentale Gesundheit, gerade in einer Zeit, in der die psychische Belastung von Jugendlichen so hoch ist wie nie. Er vermittelt Teamfähigkeit, Fairness und Respekt.
Das Obligatorium beschränkt die kantonale Autonomie im Bildungsbereich ausserdem nur minimal. Es definiert lediglich den Umfang des Unterrichts, nicht dessen Ausgestaltung. Die Umsetzung bleibt vollständig in kantonaler Verantwortung.
Ohne Gesetz droht ein Flickenteppich
Die heutige gesetzliche Mindestvorgabe schafft einen schweizweit einheitlichen Standard. Eine Streichung würde die Verantwortung vollständig an die Kantone übertragen.
Die Befürworter der Streichung versichern, kein Kanton werde dem Sport Lektionen kürzen, negative Folgen seien nicht zu erwarten.
Die Allianz rund um den SVSS ist jedoch überzeugt: Stundentafeln würden stärker von Sparprogrammen oder politischen Prioritäten abhängen. Die Folge wäre eine durch schrittweise Reduktion der Lektionenzahl herbeigeführte und unweigerlich zunehmende Ungleichheit zwischen Kantonen und Bildungsstufen. Damit droht nicht nur eine reale Kürzung der Sportstunden, sondern auch ein erneuter Flickenteppich, wie er bereits vor der Einführung des heutigen Standards bestand.
Planungs- und Investitionssicherheit wird geschwächt
Die gesetzliche Garantie schafft heute Verlässlichkeit für Kantone und Gemeinden – sowohl bei der Infrastrukturplanung als auch bei der Ausbildung von Lehrpersonen.
Fällt diese Vorgabe weg, sinkt der langfristige Planungshorizont. Investitionen in Sporthallen, Sportanlagen und qualifiziertes Lehrpersonal könnten unter Druck geraten, da der Bedarf weniger klar definiert wäre. Damit würde nicht nur der Unterrichtsstandard, sondern auch dessen strukturelle Basis geschwächt.
Hinzu kommt, dass ein Wegfall der Verpflichtung zur Bereitstellung von genügend Sportinfrastruktur neben den Schulen auch die Sportverbände und deren Angebot betreffen und einschränken würde.
Gesellschaftliche Kosten rechtfertigen nationale Vorgaben
Bewegungsmangel verursacht langfristig erhebliche gesundheitliche Folgekosten. Nationale Mindeststandards im Sportunterricht sind daher auch eine gesamtgesellschaftliche Präventionsmassnahme.
Die volkswirtschaftliche Dimension ist ebenfalls belegt; Zahlen aus einer durch das BAG beauftragten Studie zeigen: Bewegungsmangel verursacht in der Schweiz jährlich 1,7 Milliarden Franken Gesundheitskosten und 849 Millionen Franken Produktionsverluste.
Wer Verantwortung für die öffentliche Gesundheit trägt, muss Mindestvorgaben definieren können – unabhängig von der Finanzierungsstruktur.
Kein Rückschritt bei bewährten Standards
Während viele europäische Länder ihre Bewegungsförderung ausbauen, diskutiert die Schweiz über die Abschaffung eines bestehenden Mindeststandards.
Die Allianz rund um den SVSS verlangt von Bund und Kantonen, die bundesgesetzliche Verankerung der Anzahl Mindest-Wochenlektionen Sportunterricht beizubehalten. Die gesundheitliche Entwicklung, Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit von über einer Million Kindern und Jugendlichen dürfen nicht von kantonal unterschiedlichen Prioritäten abhängen.
Appell: Jetzt ist der Moment
Die Konsultationsphase läuft. Kantone und Gemeinden haben jetzt die Möglichkeit, im Rahmen der Konsultation klar Stellung zu beziehen. Die unterzeichnenden Organisationen rufen alle politisch Verantwortlichen in Kantonen und Gemeinden auf, sich für eine ablehnende Stellungnahme zur Streichung des Sportunterrichts-Obligatoriums einzusetzen. Die Gesundheit, die Chancengleichheit und die Bewegungsförderung von 1,3 Millionen Kindern und Jugendlichen hängen davon ab.
Das heutige System ist gelebte Subsidiarität: Der Bund garantiert nur das Minimum, alles andere liegt vollständig bei den Kantonen. Gestrichen würde keine Bürokratie, sondern eine gesetzliche Garantie.
Text/Foto: pd/SVSS
